Neue unterirdische Parkhäuser in Belgien sollen auch als Schutzraum dienen können. Das findet Verteidigungsminister Theo Francken, der bei VTM argumentierte, dass dies günstiger wäre als der Bau von Schutzräumen an sich.
Laut dem Verteidigungsminister würde dies Kosten sparen und das Schutzraumproblem in Belgien lösen: derzeit gibt es kaum vier öffentliche Schutzräume, die kaum oder gar nicht nutzbar sind.
Lesen Sie diesen Artikel: Baue ich selbst einen Schutzraum oder gibt es öffentliche?

Die belgische Regierung arbeitet an einem Resilienzplan und der Minister möchte darin auch Richtlinien für diejenigen aufnehmen, die große, kommerziell betriebene Parkhäuser bauen. Er holt sich seine Ideen aus Osteuropa. „Dort ist es vorgeschrieben, dass man zusätzliche Verstärkung und Belüftung hat, sodass man sie als Schutzraum, Krankenhaus oder sogar Schule nutzen kann“, erzählte er im Fernsehstudio.
Der osteuropäische Ansatz
Finnland: 55.000 Schutzräume für 5,5 Millionen Einwohner
Das finnische Modell ist bemerkenswert. Allein in Helsinki können 900.000 Menschen in Schutzräumen Zuflucht finden, während die Stadt weniger als 700.000 Einwohner hat. Das finnische Gesetz schreibt vor, dass jedes Gebäude größer als 1.200 Quadratmeter über einen Schutzraum verfügen muss.
Was interessant ist: viele dieser Schutzräume haben eine Doppelfunktion. Sie dienen manchmal sogar als Schwimmbäder oder Sporteinrichtungen, obwohl Parkhäuser die häufigsten bleiben, und können innerhalb von 48 bis 72 Stunden zu Notunterkünften umgebaut werden. Ich finde dies einen klugen Ansatz – Infrastruktur, die jetzt schon nützlich ist, mit einem eingebauten Sicherheitsnetz.
Die finnische Bevölkerung lebt mit einem Realismus, der aus ihrer Geschichte herrührt. Jahrhundertelang wurden sie zwischen größeren Mächten hin- und hergeschoben. Diese Erfahrung hat sie vorbereitet gemacht. Von den Bürgern wird erwartet, dass sie bei einer Krise 72 Stunden eigenständig überleben können, und Schutzräume sind darin ein selbstverständlicher Bestandteil.
Schweden: 65.000 Schutzplätze als Standard
Auch Schweden verfügt über umfangreiche Schutzmöglichkeiten mit etwa 65.000 Standorten. Nach der russischen Invasion in der Ukraine startete die schwedische Regierung 2018 eine landesweite Aufklärungskampagne. Bürger erhielten Informationen darüber, was bei Krieg oder anderen Krisen zu tun ist, einschließlich einer ‚Bekanntmachung mit Schutzräumen‘.
Der schwedische Ansatz geht über reine Infrastruktur hinaus. Haushalte erhielten Broschüren mit praktischen Tipps: wie benutzt man eine Toilette, wenn es kein Wasser gibt, welchen Notvorrat sollte man haben, wo findet man den nächstgelegenen Schutzraum. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz für Resilienz.
In Stockholm liegt unter einer Kirche ein Keller für 8.000 Menschen. Der Eingang befindet sich in einer U-Bahn-Station, und Tunnel führen zu einem Parkhaus 25 Meter unter der Erde – eine Infrastruktur, die täglich genutzt wird, aber innerhalb weniger Stunden umgewandelt werden kann.
Deutschland und Polen folgen
Deutschland fordert Haushalte auf, Keller und Garagen anzupassen. Hausbauer erhalten die gesetzliche Pflicht, Schutzplätze in Neubauten einzubeziehen – wie Polen es bereits früher tat. Es ist ein europäischer Trend, der sich langsam nach Westen ausbreitet.
Die belgische Situation
Nur vier funktionsfähige Schutzräume
Der Gegensatz zu Belgien ist krass. Die ehemalige Innenministerin Annelies Verlinden bestätigte, dass es nur vier Schutzräume auf belgischem Gebiet gibt. Zwei davon befinden sich in ehemaligen NATO-Bunkern in der Wallonie, sind aber inzwischen zu Aufnahmezentren von Fedasil umgebaut worden.
Parkhäuser als Lösung?
Praktische Vorteile
Parkhäuser als Schutzplätze klingt vielleicht seltsam, hat aber praktische Vorteile:
- Sie existieren bereits – keine zusätzliche Flächennutzung oder große Investitionen in völlig neue Infrastruktur
- Solide Konstruktion – Stahlbeton bietet Basisschutz gegen Bombardierungen
- Strategische Lage – oft zentral gelegen in Städten und Stadtteilen
- Doppelte Nutzung – täglicher Nutzen mit einer Sicherheitsoption bei Bedarf
Einschränkungen und Anforderungen
Aber ein Parkhaus ist kein vollwertiger Schutzraum. Für eine gute Funktion sind Anpassungen erforderlich:
- Luftfiltersysteme, um kontaminierte Luft draußen zu halten
- Notstrom und Kommunikationsmittel
- Wasserversorgung und sanitäre Anlagen
- Verstärkung der Zugänge mit speziellen Türen
- Klare Beschilderung und Evakuierungswege
Die Schweiz und Finnland zeigen, dass dies möglich ist. Ihre Schutzräume unter Parkhäusern sind manchmal sogar mit ABC-Filtern (atomar, biologisch, chemisch) ausgestattet, die 99,9 Prozent reine Luft garantieren. Selbst bei Stromausfall bleibt die Luftzufuhr durch manuelle Kurbeln gesichert.
Praktisch denken
Osteuropa zeigt, dass Vorbereitung ohne permanente Angst möglich ist. Ihre Schutzräume sind keine Symbole der Paranoia, sondern des Pragmatismus. Sie zeigen, dass Infrastruktur klug eingesetzt werden kann: nützlich in Friedenszeiten, schützend in der Krise.
Für Belgien liegt eine Chance darin, aus dieser Erfahrung zu lernen. Nicht durch massenhaftes Graben von Bunkern, sondern durch die Einrichtung bestehender Infrastruktur wie Parkhäuser so, dass sie bei Bedarf eine schützende Funktion haben können.




